Die Sonne hängt schon tief über den Hügeln von Sidi Bou Said, als der Muezzin ruft. Nicht laut und fordernd, sondern wie eine vertraute Melodie, die sich in das Summen der Zikaden mischt. Unten am Hafen schaukeln die bunten Fischerboote leise im Wasser, während ältere Männer in weißen Hemden auf den Terrassen sitzen und ihren Tee trinken. Es ist ein Bild, das sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat – und doch pulsiert hier das Leben einer Nation, die sich auf die Fußball-WM 2026 vorbereitet, ohne dabei ihre Seele zu verlieren.
Zwischen zwei Meeren und drei Kulturen
Tunesien liegt wie ein Scharnier zwischen dem Mittelmeer und der Sahara, zwischen Afrika und Europa, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die phönizischen Gründer Karthagos, die römischen Eroberer, die arabischen Kalifen und die osmanischen Herrscher haben ihre Spuren hinterlassen. Doch statt in einem chaotischen Patchwork zu enden, hat das Land daraus eine ganz eigene Harmonie entwickelt. Die Menschen hier sprechen nicht nur Arabisch, sondern oft auch Französisch und ein bisschen Italienisch oder Englisch – je nachdem, wen man gerade trifft.
Die Olivenbäume erzählen Geschichten
Wer durch das Hinterland fährt, sieht sie überall: knorrige Olivenbäume, manche über tausend Jahre alt. Sie sind nicht nur Wirtschaftsgrundlage, sondern auch Symbol für die Geduld und Widerstandskraft der Tunesier. In einem Land, das so viele Eroberungen erlebt hat, stehen diese Bäume noch immer und tragen Früchte. Die Ernte ist ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem ganze Familien zusammenkommen. Hier wird nicht nur Öl gepresst, sondern auch geredet, gelacht und gesungen.
„Dima, dima, ya bladi!"
— Tunesicher Schlachtruf („Immer, immer, mein Land!“)
Märkte als Spiegel der Gesellschaft
Auf den Souks von Tunis oder Sfax pulsiert das Leben. Hier wird nicht nur gehandelt, sondern auch verhandelt – über Preise, über Politik, über das Leben. Die Händler sind Meister der feinen Andeutung und des respektvollen Widerspruchs. Frauen in bunten Hijabs feilschen ebenso selbstbewusst wie junge Männer in Jeans. Die Grenzen zwischen Tradition und Moderne sind hier fließend, nicht gegensätzlich.
Die junge Generation und ihre Träume
Mehr als die Hälfte der Tunesier ist unter 30 Jahre alt. Viele von ihnen haben die Revolution von 2011 miterlebt und tragen eine Mischung aus Stolz und Ungeduld in sich. Sie studieren, gründen Start-ups, machen Musik und träumen von einer Gesellschaft, die frei und gerecht ist. Gleichzeitig bleiben sie stark mit ihren Familien und Traditionen verbunden. Diese Spannung zwischen Bewahren und Verändern macht den besonderen Charme des Landes aus.
Wenn der Ball rollt
Auch wenn die WM nicht im Zentrum dieses Artikels steht, ist klar: Fußball verbindet in Tunesien Generationen. Auf den staubigen Plätzen der Vororte und in den Cafés wird leidenschaftlich diskutiert. Doch wichtiger als das Ergebnis ist oft das Zusammensein. Die WM 2026 wird für viele Tunesier eine Gelegenheit sein, ihre Gastfreundschaft zu zeigen – nicht als Inszenierung, sondern als gelebte Haltung. Wer einmal in einem tunesischen Haus eingeladen war, weiß: Man geht nicht hungrig und nicht ohne neue Freunde nach Hause.
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